Social-Media-Benefits beim IT-Verband SIBB e.V: Indirekte, kommunikative Effekte!
7. April 2010 in Im Interview by Leonie Walter | No comments
Welche Social-Media-Strategie verfolgt eigentlich ein IT-Verband? Thomas Keup vom SIBB e.V. hat uns im heutigen Interview viel Spannendes erzählt:
Hallo Thomas, kannst Du unseren Bloglesern in zwei, drei Sätzen kurz den Verband vorstellen?
Zunächst ein dickes Dankeschön, dass Ihr Social Media praktisch aufgreift – und das rund um die IT. Der SIBB e. V. ist der Verband der IT-Industrie in Berlin und Brandenburg. Wir verstehen uns in erster Linie als Dienstleister und Netzwerk für unsere mehr als 120 Mitgliedsunternehmen. Außerdem vertreten wir die Interessen der Softwarehersteller und IT-Dienstleister gegenüber anderen Branchen und der Landespolitik in Berlin und Potsdam. Unsere Industrie hat in der Region fast 4.000 Betriebe mit rund 50.000 Mitarbeitern, die vor allem Software für Unternehmen und Verwaltungen entwickeln und pflegen.
Wie nutzt Du als PR-Fachmann für den Verband die sozialen Netzwerke? Warum geht Ihr diesen Weg?

Thomas Keup
Angefangen hat bei uns alles mit XING. Wir haben uns als Verband für eine interne Gruppe entschieden, weil fast alle unserer Unternehmer, Geschäftsführer, Marketing- und Vertriebsleiter dort ein Profil haben. Spannend wurde es für mich, als ich meinem Geschäftsführer vor fast einem Jahr von Twitter erzählte undwir unseren „Nachrichtenkanal“ starteten. Neben dem Informationsaustausch mit Mitgliedern, Interessenten, IT-Nutzern, Medien und anderen Verbänden hat sich für uns Slideshare zu einer Schlüsselplattform entwickelt, begleitet von Flickr und YouTube.
Unser Vorgehen kann man als „Bottom-up-Strategie“ oder sogar als „U-Boot-Strategie“ bezeichnen. Unterm Strich haben mein Geschäftsführer Peer-Martin Runge und ich begonnen, Soziale Medien und Netzwerke für unseren Verband zu erschließen. Es gab dazu weder einen Vorstandsbeschluss noch eine zentrale Verbandsstrategie. Vielleicht ist dies am Anfang tatsächlich einer der Erfolg versprechenden Wege. Schließlich sind es auch bei unseren Mitgliedsfirmen eher die Mitarbeiter, die ihre Unternehmen öffnen und vernetzt kommunizieren.
Welche Erfahrungen hast Du dabei gemacht?
Ich fange bei XING an: Über unsere Gruppe haben sich viele unserer Mitglieder und Partner direkt vernetzt. Über die Foren haben unsere zehn Arbeitskreise die Chance, sich online auszutauschen und gemeinsame Treffen zu vereinbaren. XING wird aus meiner Sicht vor allem als Anlaufpunkt für die erste Vernetzung genutzt, um sich dann persönlich zu treffen. Mit der Öffnung von XING für externe Dienste, wie Slideshare oder Twitter, gewinnt die Plattform aus meiner Sicht auch bei Nutzern an Bedeutung, die nicht den ganzen Tag vernetzt im Web unterwegs sind.
Die Highlights unserer Social-Media-Aktivitäten sind zweifelsfrei Twitter und Slideshare. Nach anfänglicher Skepsis über Sinn und Zweck eines eigenen „Nachrichtenkanals“ fragen unsere Vorstände mittlerweile gezielt nach, ob wir aktuelle Infos auch schon getwittert haben. Außerdem trauen sich die ersten Mitgliedsfirmen wie die NETFOX AG selbst auf das „Nachrichtenparkett“. Aus meiner Sicht mit überraschend positiven Erfahrungen, wie schnell sie dort „Zuhörer“ gewinnen, die sich für ihre Themen interessieren.
Der „Überflieger“ in unseren Social-Media-Relations ist Slideshare. Viele Firmen präsentieren sich bei Kunden, auf Messen und Kongressen mit Folien. In unseren Arbeitskreisen stellen Mitglieder neue Möglichkeiten zu Management, Marketing und Technologien mittels Slides vor. Mit Slideshare machen wir dieses Know-how unserer Experten einem breiten Publikum zugänglich. Und das wird sehr gern angenommen. Mittlerweile vernetzen sich Unternehmen über Slideshare auch untereinander, sodass erste Netzwerkeffekte zu sehen sind.
Größere Skepsis gab es bei Flickr und YouTube. Hier steht nicht selten das gelernte Verhalten im Weg. Mit der Veröffentlichung unserer Fotos vom IT-Branchentag „Open Day Berlin“ auf Flickr hat sich die Stimmung von ‚Fotos sind Privatsache’ zu ‚Kann ich die auch nutzen’ gewandelt. Bei YouTube sind wir als SIBB e. V. noch nicht ganz da, wo ich es mir vorstelle. Ich glaube, desto mehr IT-Firmen selbst Webcasts für Ihr Marketing erstellen, umso interessanter wird die Videoplattform auch für kleinere und mittlere Softwarefirmen.
Welche Themen kommunizierst Du? Fällt es Dir leicht, Content zu generieren?
Unsere Themen drehen sich um Informationstechnologien, die Firmen und Verwaltungen helfen, ihre Arbeit schnell, sicher und möglichst günstig zu erledigen. Zum Anderen geht es für uns als SIBB e. V: um die Bedingungen unserer Mitgliedsunternehmen in Berlin und Brandenburg – und damit um Landespolitik, Wirtschaftsförderung und die wirtschaftliche Situation. Während unsere klassische PR eher gezielt einzelne Themen durch Mitteilungen, Pressetermine, Interviews oder Präsentationen ins Gespräch bringt, sind wir in den Sozialen Medien nur ein Partner, der Themen generell – und damit breiter – aufgreift, initiiert und gemeinsam diskutiert.
Bei Twittermeldungen greifen wir zu mindenstens 80 Prozent auf News anderer Twitterati zurück. Dies sind regionale Tageszeitungen und IT-Onlinemedien, Firmen – von unseren Mitgliedern einschl. Microsoft und IBM – ebenso, wie Blogger, „Techis“ oder andere Verbände. Wenn der BITKOM eine gute Meldung bringt, twittern wir diese auch in unsere Community. Bei Präsentationen sind unsere zehn Arbeitskreise die „Fundgrube“ Nummer 1 für spannende Themen und bei Fotos nutzen wir in erster Linie unsere Events. All dies kann und wird sich sicherlich weiterentwickeln.
Wie hoch ist der zeitliche Aufwand für Dich, die Social-Media-Kanäle zu bedienen?
Wie bei allen Sozialen Medien und Netzwerken haben wir am Anfang ein ganzes Stück Vorarbeit geleistet, um die Accounts möglichst vollständig einzurichten und alle bestehenden Social-Media-Plattformen miteinander zu vernetzen. Im laufenden Betrieb betreuen wir Twitter den ganzen Tag über nebenbei. Ich selbst betreue außerdem 5 weitere Twitter-Channel und das kostet insgesamt schon zwei bis drei Stunden am Tag. Das Einstellen aktuellen Contents in den Distributionskanälen passiert eher reaktiv, also immer dann, wenn wir neue spannende Materialen haben.
Wie siehst Du die Relation von Zeitaufwand und Nutzen?
Da Social Media Relations zu meiner bezahlten Arbeit gehören, muss ich natürlich immer wieder die Frage beantworten, was uns als SIBB e V. all die vernetzte Präsenz bringt. Ich bin der Überzeugung, dass wir mit unseren Aktivitäten heute die Grundlage für einen Großteil unserer künftigen Verbandskommunikation und unseren Mitgliederservice legen. Auch wenn wir mit unseren heutigen Fans, Friends und Followern ebenso wie mit unseren Influencern sehr glücklich sein können, so befinden wir uns nach rd. einem Jahr doch noch in der Aufbauphase.
Welche Zielgruppe erreichst Du über welche Kanäle?
Am Besten kann ich unsere Community bei Twitter nachvollziehen. Die Bandbreite reicht von bekannten Journalisten, IT-Fachmedien und Branchenverbänden, Wirtschaftsförderern sowie Messen + Events bis zu PR-, Marketing-, Vertriebs- und Personalexperten. Spannend finde ich die Vernetzung mit den „Big Playern“ der IT-Industrie, denn sie sind Partner unserer Mitglieder, Initiatoren künftiger Themen und für mich ein Indikator, dass der IT-Mittelstand schon bald Social Media selbst nutzen wird.
Bei Slideshare gehe ich von einer stärker inhaltlich interessierten User-Group aus, denn die Folien dienen nicht dem Nachrichtenaustausch, sondern der Wissensvermittlung. Von aktuell 35 Slides beziehen sich mehr als 30 auf konkrete Themen. Hier bieten wir Interessenten Informationen aus erster Hand – und damit die Chance, sich einen ersten Eindruck zu möglichen Lieferanten und Partnern zu machen. Eine ähnliche Ausrichtung erwarte ich auch für YouTube im Kontext Webcasts.
Wie misst Du Erfolge?
Im Moment messen wir vornehmlich die quantitativen Effekte, also die Anzahl der Zugriffe auf Kurzlinks bei Twitter, die Anzahl der Aufrufe bei Slideshare und den Zuwachs an Followern. Daraus können wir erste qualitative Ergebnisse ableiten, welche Themen besonders hohes Interesse finden und mit welchen Themen wir unsere Community weiterentwicklen können. Ein besonderer Erfolg ist für mich persönlich, wenn neue Influencer bei Twitter Themen von uns aufgreifen und lobend erwähnen.
Betreibst Du ein Social-Media-Monitoring? Wenn ja wie?
Über Google Alerts, StepRep und Social Oomph lasse ich Bewertungen, Kommentare, Empfehlungen und Retweets automatisiert monitoren und werte diese anschließend individuell aus. Wir nutzen zurzeit noch kein Dashboard – nicht zuletzt, da die angebotenen Lösungen aus meiner Sicht entweder sehr kostenintensiv, zu umständlich oder nicht vollständig sind. Ich gehe davon aus, dass sich dies in den kommenden Monaten ändern wird, da es in Berlin erste Workshops gibt, wie man sich sein Dashboard (selbst) bauen kann. Ich bin gespannt, was dabei raus kommt.
Gibt es Benefits für Dich, die sich konkret durch Social Media ergeben?
Als Social-Media-Begleiter wissen Du und ich, dass es klassische Vermittler immer schwerer haben werden – aufgrund von Google und anderen Plattformen. Ich glaube, dass dies nicht nur für Werber, Marketer, PRler oder Journalisten gilt, sondern auch für Verbände. Als SIBB e. V. stellen wir uns seit 2009 als Dienstleister auf. Wenn mein Verband mir als IT-Unternehmer neue Zugänge im Netz eröffnet, um mit Journalisten, Interessenten und künftigen Partnern ins Gespräch zu kommen, ist dies eine wertvolle Leistung.
Vor einem Jahr hätten nationale Branchenverbände wahrscheinlich nicht mal unseren Namen buchstabieren können. Heute schauen sie gern mal vorbei, was wir so in unseren Arbeitskreisen entwickeln. Unser kontinuierliches Engagement bei Twitter hat uns – besonders außerhalb der Region – interessante Kontakte ermöglicht. Da der Prophet im eigenen Land nicht immer so gern gehört wird, ist es für uns durchaus interessant, über Multiplikatoren die Awareness für die IT in der Region zu erhöhen. Und das schafft schließlich wieder „positive Bewegung“.
Ich sehe die Benefits für unseren Verband insgesamt eher in indirekten, kommunikativen Effekten. Und genau diese Effekte schaffen im nächsten Schritt Kontakte, Gespräche und Kooperationen, die unsere heutigen und künftigen Mitglieder suchen. Im Gegenzug können und werden wir unsere klassischen PR-Aktivitäten auf entscheidende Meilensteine reduzieren. Schließlich gewinnen wir neue Zuhörer im Netz, die für uns als Veranstaltungsteilnehmer, Kooperationspartner oder Experten wichtig werden.
Was wird uns in Zukunft von Euch erwarten?
Als SIBB e. V. planen wir perspektivisch, unsere Social-Media-Plattformen unseren Mitgliedern zur Verfügung zu stellen. Dazu werden wir unsere Firmen z. B. im Rahmen von Workshops über die Grundlagen briefen und gemeinsam abstimmen, was ihnen in ihrer Kommunikation, ihrem Marketing, ihrem Personalwesen und ihrem Vertrieb am Meisten hilft. Als Social-Media-Kontakt für die Android-Konferenz droidcon sammle ich selbst gerade praktische Erfahrungen mit Facebook-Fanpages. Unser nächster entscheidender Schritt wird allerdings ein Social Media Newsroom sein, der die einzelnen Aktivitäten bündelt und allen Usern unserer Community zentral bereitstellt.
Gerade der IT-Mittelstand geht das Thema Social Media noch zögerlich an. Wie bewertest Du dies? Welche Tipps würdest Du Einsteigern geben?
In einer Auswertung mit einem Journalisten des Berliner Tagesspiegels bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass wahrscheinlich weniger als 10 Prozent aller IT-Unternehmen in der Hauptstadtregion professionelles Marketing und damit systematische Kommunikation betreiben. Viele IT-Firmen sind gerade erst in der „Online-Zeit 1.0“ angekommen, wie eine aktuelle Studie zeigt. Warum sollten kleinere und mittlere IT-Unternehmen sich spontan auf Soziale Medien stürzen? Es gibt sogar Firmen, die halten Twitter für einen SMS-Dienst – wegen der 140 Zeichen.
Ich glaube, dass Branchenverbände und -Netzwerke für kleinere und mittlere IT-Unternehmen eine riesen Chance bedeuten, ohne Werbung machen zu wollen. Im Verbund mit Gleichgesinnten traut man sich eher, professionelles Marketing zu betreiben, zumal man sich die Kosten teilt. Was mit gemeinsamen Auftritten auf Kongressmessen beginnt, wird in Zukunft auch in der offen-vernetzten Welt eine Option. Andererseits werden einige Unternehmer anfangen, Soziale Medien allein zu erschließen. Das Ergebnis wird von „sehr erfolgreich“ bis „war einen Versuch wert“ reichen.
Wer als IT-Unternehmer im Social Web spammt und andere Nutzer mit dem – uns bekannten – Buzzword-Bingo nervt, wird hier erstmals in die Schranken gewiesen, auch wenn ich es niemandem wünsche. Mein Tipp daher: Zunächst nach bekannten IT-Anbietern bei Google Blogs suchen, ihre Twitter-Feeds lesen, ihre Slides anschauen, in ihren Blogs stöbern und Google Alerts setzen. So bekommt man ganz praktisch ein Gefühl für die offen-vernetzte IT-Kommunikation. Anschließend sollte man sich einen Profi engagieren, der in der IT-Industrie verankert ist, dessen Kernkompetenz in der PR liegt und – aus meiner Sicht am Wichtigsten – die Kirche im Dorf lässt.
Social Media Relations – also der Austausch und die Verständigung in sozialen Medien – ist eine Kernaufgabe der PR – also des Kommunikationsmanagements. Auch wenn Marketing, Werbung und Vertrieb Social Media dies gern für sich reklamieren. In der offen-vernetzten Welt geht es allerdings nicht um ‚entweder oder’, sondern um ‚sowohl als auch’. All die nachrichtlichen, inhaltlichen, visuellen und interaktiven Möglichkeiten im „Web 2.0“ muss lediglich einer koordinieren, und das werden – nicht nur aus meiner Sicht – die PR sein.
Vielen Dank an Dich, dass Du hier so ausführlich aus dem „Nähkästchen“ geplaudert hast – das ist bestimmt für viele unserer Blogleser hilfreich.
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Tags: Bilder, Fotos, SlideShire, Social Media, Twitter, Verbands-PR, XING, YouTube
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